Kopfbild Bad Vilbel Winter
30.06.2022 erstellt von: Jochen Waiblinger


Radverkehrszählstellen in Bad Vilbel

Verzählt? Das Mysterium der Zählstellen in Bad Vilbell

Radverkehrszählstellen in Bad Vilbel

Es ist wieder Mystery-Time in Bad Vilbel! Nicht so spektakulär wie letzten Herbst, als plötzlich am Südbahnhof unserer Stadt allerlei merkwürdiges Metall aus dem Boden wuchs, welches sich später, von allerlei medialer Aufmerksamkeit und Erklärungen begleitet, als mehr oder weniger barrierefreie provisorische Baustellenüberquerung herausstellte, im Volksmund Rampenbauwerk genannt.


Das Geheimnis, das es jetzt zu ergründen gilt, kommt viel bescheidener daher. Es ist bisher von den meisten Bürger:innen der Quellenstadt weder in seiner Existenz noch in seiner Tragweite wahrgenommen worden. Auch medial wurde ihm noch keine Beachtung geschenkt. Aber der ADFC hat ja einen Informations- und Bildungsauftrag, und darum präsentieren wir die neueste fahrradtechnische Anlage in Bad Vilbel: die beidseitige Dauerzählstelle für den Radverkehr am oberen Schöllberg.

Zählstellen sind äußerst nützliche Einrichtungen, denn sie geben Auskunft über das Radverkehrsaufkommen in einer Kommune. Eine verlässliche und umfassende Datengrundlage ist für die Behörden wichtig, um den Bedarf an Fahrrad-Infrastrukturmaßnahmen und ihre Wirksamkeit zu erkennen und auf ein verändertes Mobilitätsverhalten zu reagieren. Da die Zählstellen ununterbrochen zählen, ermöglichen sie den Vergleich beliebiger Zeiträume. So lassen sich Rückschlüsse auf den Einfluss von Witterungsverhältnissen, Verkehrslagen, Baumaßnahmen oder anderen Faktoren ziehen.

Bild
Links: Radfahrstreifen den Schöllberg – die Frankfurter Straße – hoch, Richtung Frankfurt; rechts: Radfahrstreifen auf der Gegenseite
Fotos: Jochen Waiblinger

Wie auf dem Bild links zu sehen ist, ... ist nichts zu sehen, denn bei der Bad Vilbeler Version handelt es sich um Dauerzählstellen ohne öffentliches Display. Um das technische Wunderwerk zu erspähen, ist ein genauerer Blick erforderlich (Bild rechts). In die Asphaltoberfläche sind mittels Schnitten in die Fahrbahndecke Induktionsschleifen eingebracht. Die Sensoren erkennen die Geometrie eines Fahrrads anhand der zwei Laufräder und des Tretlagers, welche die Induktionsschleife überfahren, und übertragen ihre Daten per Mobilfunk an einen zentralen Server. So werden Fahrräder gezählt – und nur diese, hingegen keine anderen Fahrzeuge.

„Na jaah ...“, könnte die geneigte Leserschaft jetzt denken, „ist ja alles schön und gut. Aber was ist jetzt daran so geheimnisvoll?“.

Eine völlig berechtigte Frage. Seit dem 29. April 2022 wird munter der Radverkehrsfluss am Schöllberg erfasst. Auf der Internetseite https://data.eco-counter.com/ParcPublic/?id=8080# können diese Daten ebenso wie die Daten der zurzeit in Hessen aktiven 124 anderen Standorte eingesehen werden. (Geplant sind übrigens insgesamt 270 Standorte in Hessen.) Dabei zeigt sich für Bad Vilbel folgendes Phänomen: Seit dem Beginn der Zählung sind bis heute (Stand 2. Juni 2022) 11.293 Räder bergauf Richtung Heilsberg und Frankfurt gezählt worden, aber nur 8.827 bergab in die Bad Vilbeler Kernstadt. Das bedeutet innerhalb dieser recht kurzen Zeitspanne eine Differenz von knapp 2.500 Radfahrenden – oder durchschnittlich 70 pro Tag.

Und hier beginnt die Suche nach einem Erklärungsansatz.

These 1. Es handelt sich um ein technisches Problem. Können vielleicht die Sensoren die teilweisen hohen Geschwindigkeiten zwischen 35 und 45 km/h, die manche Räder auf der den Berg hinab führenden Strecke erreichen, nicht mehr messen? Eine Anfrage bei Hessen Mobil als als zuständiger Behörde der Zählstellen ergab, dass im Probebetrieb auch Geschwindigkeiten bis zu 50 km/h und sogar mehr problemlos registriert wurden. Ebenso wurden Karbonräder erkannt (allerdings wohl nur solche mit Alufelgen, wie an dieser Stelle einschränkend zu sagen ist).

Da der Schöllberg eher von Pendelnden genutzt wird und außerdem die radtouristische Saison noch nicht richtig begonnen hat, scheint mir dieser Ansatz wenig tauglich. Hinzu kommt, dass die Nutzungszahlen an den Wochenendtagen eher am unteren Rand liegen und überdies die Differenzen denjenigen an den Werktagen gleichen.

These 3. Zu viele „Profis“. Es gibt nicht wenige Radelnde, die mit Rennrädern schnell unterwegs sind und dabei eher die Straße als den Radweg benutzen. Dies trifft insbesondere im Fall von Gefällstrecken zu.

These 4. Fahrten auf der falschen Seite. Ich selbst pendle an vier Tagen die Woche mit dem Rad über den Schöllberg nach Frankfurt. Nicht selten kommen mir dabei auf der den Berg hinauf führenden Strecke, insbesondere im unteren Bereich, Radelnde entgegen. (Wohlgemerkt, der Radfahrstreifen ist nicht als Zweirichtungsweg angelegt!) Zwar sind es nicht viele, aber das mag während der Zeit vor Schulbeginn anders sein.

These 5. „Auf Nimmerwiedersehen!“ Nein, daran mag ich nicht denken! Bad Vilbel ist eine schöne Stadt, in der es sich gut leben lässt. Darum mag ich nicht an einen geheimen Massenexodus in Richtung Frankfurt denken.

Es spricht also einiges für eine Kombination der Thesen 3 und 4, jedoch scheint mir dies bei einer täglichen Abweichung von 70 Rädern noch nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein. Wir werden also weiter recherchieren.

Übrigens wird es in Bad Vilbel demnächst noch eine weitere Zählstation geben, und zwar am Ende der Huizener Straße auf der Niddaroute nach Frankfurt-Berkersheim. Vermutlich wird es sich um eine Station mit Sensoren in beide Richtungen handeln, da der Platz für zwei sauber getrennte Zähleinheiten zu knapp sein dürfte. Anders als beim Schöllberg ist dies auch oder womöglich sogar eher eine Freizeitstrecke, sodass es durchaus sein kann, dass nur eine Richtung bevorzugt wird und die Rückwege häufig über andere Routen erfolgen. Wir sind gespannt auf die künftigen Zahlen.


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