Freundliche Begegnung während der Early-Morning-Tour im Juli 2016<p>Foto: U. Gräber-Seißinger
29.06.2022 erstellt von: Dr. Ute Gräber-Seißinger


Der teamorientierte Pragmatiker

So ließe sich Jochen nach eigener Aussage beschreiben. Zumindest sei dies der Anspruch, fügt er bescheiden hinzu. Jochen ist Jahrgang 1957, verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter, beide noch unter 25. Der geborene Hamburger siedelte 1982 ins Rhein-Main-Gebiet über. 1987 zog er nach Frankfurt und 1999 schließlich nach Bad Vilbel. Noch während seiner Schulzeit verbrachte er ein Jahr in den USA. Seinen zweijährigen Wehrdienst leistete Jochen überwiegend in Belgien im NATO-Hauptquartier ab. Nach der anschließenden Banklehre studierte er Betriebswirtschaftslehre.


Unser Vorstandsmitglied Matthias Marcks brachte Jochen mit dem ADFC Bad Vilbel in Kontakt. Im Jahr 2017 trat er in unseren Verein ein, den er im Zuge einer unserer Codieraktionen näher kennengelernt hatte. Das allerdings war nicht sein erster Kontakt mit dem ADFC.

Schon in den 1990er Jahren hatte er sich als interessiertes Nichtmitglied einem Kreis von Aktiven im ADFC Frankfurt angeschlossen, um gemeinsam mit diesen die Entwicklung der im Notfall sich selbst ablösenden Vorderrad-Scutzblechstreben (heute bekannt als Schutzblech-Befestigungsclips) zu begleiten. Das geschah nicht rein zufällig. Vielmehr waren diesem Entschluss leidvolle Erfahrungen vorausgegangen. Während einer seiner Fahrten mit dem Fahrrad hatte sich ein kleiner Ast in den Speichen des Vorderrades verfangen, der die Streben des Schutzblechs nach oben schob und so das Vorderrad in Sekundenbruchteilen blockierte. Jochen flog in hohem Bogen über den Lenker und landete auf der Erde. Ähnliches war kurz zuvor zuvor auch seiner Frau Karin Böhm passiert, die sich dabei ernsthaft verletzt hatte. Und so war es höchste Zeit, sich für präventive Mittel zu engagieren ...

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Foto: Ute Gräber-Seißinger

Jochen zögerte nicht, gleich nach seinem Eintritt in Bad Vilbel aktiv zu werden. Zum einen war es ihm bereits während seiner Zeit in Frankfurt, in der er stets mit dem Rad unterwegs gewesen war, ein Anliegen gewesen, die Situation für den Radverkehr zu verbessern, insbesondere was die Sicherheit betrifft. Auch im Schulelternbeirat, dem er angehörte, waren Radwege für die Schülerinnen und Schüler ein wiederkehrendes Thema. Und was Bad Vilbel angeht, so hatte die Stadt just im Jahr 2017 erstmals ein Radverkehrskonzept publiziert. Eine Arbeitsgruppe des ADFC Bad Vilbel kommentierte das Konzept kritisch. Jochen wiederum stolperte über die seiner Meinung nach zu harsche Kritik der Aktiven an der zögerlichen Haltung der Stadt im Hinblick auf die Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, sich radverkehrspolitisch zu engagieren, denn die allgemeine Stoßrichtung der Kritik wollte er durchaus unterschreiben. Ende 2020 übernahm er von Christian Euler die Funktion des Radverkehrspolitischen Sprechers des ADFC Bad Vilbel / Karben – ein guter und folgerichtiger Schritt.

Jochen ist ein überzeugter Fahrradpendler. Er ist täglich und ganzjährig mit dem Fahrrad unterwegs, bei Wind und Wetter. Sein Arbeitsort liegt im Frankfurter Westend. Bevor er seine Familie gründete, unternahm er mit seiner Frau viele Fahrradreisen in Deutschland und im europäischen Ausland – eine Art von Urlaub, die er künftig gerne wieder häufiger praktizieren will. Recht eigentlich auch war es seine Frau, die ihn vor nunmehr genau 32 Jahren zum Radfahren zurückbrachte. Auch seine beiden Kinder legen kürzere und zuweilen auch längere Wege im Sattel zurück, die Tochter häufiger noch als der Sohn.

Gefragt, was ihn am Fahrradfahren fasziniert oder weshalb er es einfach nützlich findet, betont Jochen, wie wohltuend es für ihn ist, sich regelmäßig an der frischen Luft zu bewegen. Nicht weniger wichtig ist es ihm, auch auf der persönlichen Ebene einen Beitrag zum Schutz der Umwelt zu leisten, und außerdem ist Radfahren finanziell im Vergleich mit dem ÖPNV für ihn um ein Vielfaches günstiger. Nicht zuletzt: In jüngerer Zeit hat sich in Frankfurt in Sachen Radverkehrsinfrastruktur sehr viel getan, sodass Jochen sich mittlerweile auch in Stoßzeiten im Straßenverkehr auf dem Fahrrad merklich sicherer fühlt als noch vor einigen Jahren.

Nach Banklehre, BWL-Studium und 25 Jahren bei einer Bank in Frankfurt hat sich Jochen beruflich umorientiert. Heute arbeitet er als Büro- und Verwaltungsleiter in einem christlichen Verein der Suchthilfe, in dem rund 30 Drogenabhängige im Alter zwischen 18 und 45 Jahren betreut werden.

Ein Billig-Fahrrad „von der Stange“ war nie Jochens Ding. In jüngeren Jahren baute er sein Tourenrad selbst zusammen. Heute ist er meist mit seinem Raleigh-Pedelec unterwegs – der eingebaute Rückenwind ist ein Tribut ans Alter. Doch nicht unterschätzt wissen will Jochen den für Radelnde jeden Alters geltenden Vorzug des Pedelecs, dass mit ihm auch Steigungen wie jene den Schöllberg hoch gut – und sogar mit einer gewissen Leichtigkeit – bewältigt werden können.

Fast schon erübrigt sich die Frage, welche Rolle das Auto in Jochens mobilem Leben spielt. Genutzt wird es fast nur noch für größere Einkäufe, längere Fahrten außerhalb Bad Vilbels und Urlaubsreisen. Eine Tankfüllung reicht in der Regel für zwei bis drei Wochen. Da ist es nur logisch, dass Carsharing bei ihm zuhause zunehmend in den Blick gerät.

Gerne lasse ich Jochen zum Schluss direkt zu Wort kommen: „Wir Aktiven sehen viel, aber längst nicht alles. Damit wir bei den zuständigen Behörden Missstände melden und Verbesserungen anmahnen können, brauchen wir immer wieder die Hinweise unserer Mitglieder und generell all derjenigen, denen das Fahrradfahren am Herzen liegt. Helft uns und euch selbst, schreibt uns. Wir nehmen euren Input auf unter VilRadMonitor‍(‌at‌)‍adfc-bad-vilbel.de oder auch direkt unter jochen.waiblinger‍(‌at‌)‍adfc-bad-vilbel.de

Das dem Porträt zugrundeliegende Interview führte Ute Gräber-Seißinger.


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