Kopfbild Biwerkreisel
02.05.2020 erstellt von: Walter Baumann


Radwegeplanung Wetterau – neu aufgelegt

Radverkehrsplan Wetterau 2020

Der Wetteraukreis hat sein Radwegenetz einer Begutachtung unterzogen. Zum dritten Mal seit 1993 wurde damit eine Gesamtanalyse der Radverkehrssituation in diesem großen hessischen Landkreis vorgenommen.


Durchgeführt wurde diese Analyse durch das Kasseler Planungsbüro COOPERATIVE Infrastruktur und Umwelt, das unter Federführung von Dr. Wulf Rüthrich hier auch schon vorher für den Wetteraukreis gearbeitet hat. Ergebnisse wurden bereits im Sommer 2019 vorgestellt; jetzt sind alle Unterlagen online zugänglich (https://tourismus.wetterau.de/natur/aktivitaeten/radfahren/radverkehrsplan/). Begleitet wurde die Studie durch Peter Hünner von der Fachstelle Strukturförderung des Wetteraukreises. Kritische Stellungnahmen und Materialien des ADFC sind eingeflossen.

Die neue Radwege-Analyse konzentriert sich auf das bestehende Radwegenetz mit mehr als 1100 Kilometern im Bereich der Hauptrouten. Sie befasst sich insbesondere mit Mängeln und Lücken, die einem sicheren und komfortablen Radverkehr im Wege stehen. Standen die Radverkehrsplanungen der vergangenen Jahrzehnte häufig unter dem Primat von Freizeitverkehr und touristischen Radrouten, so genießt dieses Mal die Infrastruktur für den Fahrrad-Alltagsverkehr von pendelnden Berufstätigen und Schülerinnen und Schülern sowie für die vergleichbare zweckgerichtete Mobilität besondere Aufmerksamkeit. Dazu wurde das Radroutennetz im Hinblick auf effiziente und attraktive Verkehrsmöglichkeiten auf den Hauptbedarfslinien zwischen den Ballungsräumen und Knotenpunkten der Verkehrsinfrastruktur untersucht. Es geht um die Erreichbarkeit von Kernorten und Ortsteilen, Bahnhöfen, Schulen sowie Arbeitsorten innerhalb und außerhalb des Wetteraukreises für den Radverkehr in Entfernungen von bis zu 10 Kilometern.

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Quelle: Radverkehrsplan des Wetteraukreises, Fortschreibung 2018/2019, S. 31

Der Zustand der Radinfrastruktur wurde von den Autoren durch Befahrungen ermittelt. Erfasst wurden Streckenmerkmale wie Qualität der Oberflächen, Existenz und Zustand von Radverkehrsanlagen sowie bauliche oder verkehrslenkende Defizite. Der Bericht stützt sich ansonsten auf zahlreiche amtliche Datenquellen zur Radverkehrssituation im Wetteraukreis und weist unter anderem darauf hin, dass Bad Vilbel in Verbindung mit seiner Bevölkerungszahl die meisten Ver-kehrsunfälle mit Fahrradbeteiligung aufweist.

Das Gutachten stellt fest, dass das Radnetz derzeit den Anspruch fahrradgerechter Wege an vielen Stellen nicht erfüllt. Neben Netzlücken gehören Umwege oder zusätzliche Höhenüberwindungen zu den Defiziten. Insgesamt wurden 61 Lücken identifiziert – mit einem Schwerpunkt am Taunusrand und im Osten des Landkreises. So moniert der Bericht im Umkreis Bad Vilbels fehlende Hauptrouten zwischen Bad Vilbel und Bergen-Enkheim oder zwischen Rendel und Niederdorfelden. Sogenannte Netzdefizite insbesondere im Hinblick auf die Streckenführung von Hauptrouten werden unter anderem entlang der Bundesstraße 521 zwischen Bad Vilbel und Frankfurt sowie auf der Landesstraße 3008 nach Niederdorfelden gesehen. Der Bericht unterstützt die laufenden Überlegungen zur Einführung von Radschnell- und -direktverbindungen und sieht dafür insbesondere zwischen Bad Nauheim und Frankfurt hohes Potenzial. Die Idee eines Rad-schnellwegs entlang der S-Bahn, wie ihn der ADFC Bad Vilbel favorisiert, ist allerdings nicht eingeflossen.

Das Gutachten ermittelte Mängel in der Qualität der vorhandenen Fahrradwege auf insgesamt 265 Kilometern. So sind auf rund 48 Kilometern die Fahrradwege zu schmal, der Fahrbahnbelag ist auf 38 Kilometern schlecht bzw. ungeeignet. Dies gilt nicht nur im Fall von Schotterwegen, sondern auch für viele Feld- und Wirtschaftswege, deren Betonoberflächen für Radelnde Sicherheits- und Komfortmängel mit sich bringen.

Der Bericht beklagt auch das Erscheinungsbild der teilweise über 20 Jahre alten Beschilderung und stellt fest, dass die aktuellen Vorgaben des Landes Hessen weitestgehend nicht erfüllt werden. Es wird dringend empfohlen, die Radwegweisung grundlegend zu überarbeiten, zu erneuern und in ein fortschreibungsfähiges digitales Kataster zu übernehmen. Beeindruckende Beispiele für vielfältigen Unsinn amtlicher Verkehrsregelung dokumentieren zahlreiche Fotos sowohl im Abschnitt über die Freigabe von Gehwegen für den Fahrradverkehr als auch in Bezug auf unver-ändert vorhandene, zum Teil vorschriftswidrige Umlaufsperren oder andere Verbots- und Ge-botsverkehrszeichen (zum Beispiel „Radfahrer absteigen“). Als weitere Mängel spricht der Bericht die Radwegführung im Fall von Kreisverkehren an, die häufig den Vorschriften und Belangen des Radverkehrs nicht entspricht, sowie viele nicht befahrbare oder gefährliche Strecken bei Bahnunter- oder -überführungen.

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Unsinnige Doppelbeschilderung in Bad Vilbel an einer ehemaligen Bahnunterführung – die Hälfte der Schilder führt direkt in eine Sackgasse
Foto: Ute Gräber-Seißinger


Ein weiterer Abschnitt widmet sich den Fahrradabstellmöglichkeiten unter anderem an Schulen, öffentlichen Gebäuden oder Schwimmbädern. Gemessen an den Richtwerten fehlen an den Schulen im Wetteraukreis mehr als 2500 Fahrradabstellplätze. Die Schulen in Bad Vilbel kom-men hier vergleichsweise gut weg. Warum 20 Abstellplätze am Bad Vilbeler Rathaus als nicht geeignet klassifiziert werden, erschließt sich durch den Text leider nicht.

Die Vorschläge zur Verbesserung der Radverkehrssituation werden von den Gutachtern priorisiert und zum Teil auch die Kosten ihrer Umsetzung kalkuliert. Ganz oben steht dabei unter den Maßnahmen zum Lückenschluss und zur Netzverbesserung die für Bad Vilbel so relevante Bun-desstraße 521; allerdings fällt dies in die Zuständigkeit des Bundes. Bei der Beseitigung von Fahrbahnmängeln sieht das Gutachten in Bad Vilbel Bedarf auf rund 5,5 Kil0ometern, die von der Kommune zu tragen sind. Insgesamt werden zur Schließung von Lücken im Radroutennetz und zur Verbesserung der Netzstruktur 103 Maßnahmen geordnet vorgeschlagen. Eine Abschätzung der Kosten ergibt für die kurzfristigen Maßnahmen eine Gesamtsumme von knapp 20 Millionen Euro; davon entfallen rund 4 Millionen auf den Bund, 8 Millionen auf das Land Hessen, 5,6 Millio-nen auf den Wetteraukreis und 2,3 Millionen auf die Kommunen.

Insgesamt stellt das Gutachten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Radverkehrs im Wetteraukreis und eine Fundgrube für anzumahnende Maßnahmen dar. Eine jeweils eingehende Prüfung und Bewertung durch die Kommunen unter Beteiligung der mit den lokalen Verhältnissen vertrauten ADFC-Mitglieder wäre zu wünschen.


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