Kopfbild Biwerkreisel
21.11.2017 erstellt von: Christian Martens


München - Venedig? Ja, das klingt gut!

Reisebericht Teil 2: Treviso - Venedig - München

Abschied in Venedig<p>Foto: Christian Martens

Am 8. September 2017 wurde in dieser Website der erste Teil meines Berichts über meine neuntätige Fahrradreise von München nach Venedig und zurück veröffentlicht. Hier folgt nun der zweite Teil, der mit dem fünften Tag der Radreise beginnt.


Am Morgen des fünften Tags meiner Radreise geht es lange am Flüsschen Sile entlang. Die Strecke erinnert zum Teil an eine Route der Industriekultur, reiht sie doch etliche Relikte ehemals blühender Wirtschaftsbetriebe aneinander. Im ehemaligen Hafen von Casier verrotten alte Holzkähne. Auf den letzten 20 Kilometern vor Venedig weisen Schilder wiederholt darauf hin, dass die Strecke am folgenden Tag wegen eines Triathlons gesperrt ist. Glück gehabt! Wir kommen auf der ausgeschilderten Strecke wie geplant fast ohne Verkehr bis Mestre. Venedig selbst, fahrradunfreundlicher als Wiesbaden, schenke ich mir, und so trennen sich am Bahnhof unsere Wege.

Während sich mein Mitreisender noch einen vollen Tag lang in Venedig aufhalten wird, bevor es für ihn per Zug zurück nach München geht, nehme ich den Regionalzug Richtung Triest. Eine Station vor meinem geplanten Zielbahnhof wird die Fahrt wegen eines Böschungsbrands auf unbestimmte Zeit unterbrochen. Es stellt sich die Frage: Warten oder aussteigen und radeln? Ich entscheide mich fürs Radeln und werde gemäß Murphys Gesetz später von meinem Zug überholt. Na, immerhin hatte der Schaffner großzügig darüber hinweggesehen, dass ich am italienischen Fahrkartenautomaten mangels Sprachkenntnis keine Radkarte gelöst hatte.

In Cervignano del Friuli treffe ich auf den Alpe-Adria-Radweg, der von Salzburg nach Grado führt. Salzburg liegt in nördlicher Richtung, aber erst mal wende ich mich gen Süden, um in Grado wenigstens einmal kurz ins Mittelmeer zu hüpfen. Während ich nach Grado unterwegs bin, treffe ich vier Rennradler aus Würzburg, die von Salzburg kommen und ebenfalls gen Mittelmeer streben. Sie haben die Schotterabschnitte des Alpe-Adria-Radwegs umfahren und deshalb deutlich mehr Kilometer und Höhenmeter hinter sich, als die ausgeschilderte Strecke es vermuten ließe. Zum Glück muss ich mir mit meinem Trekkingrad wegen des Schotters keine Sorgen machen.

Nach einem wenig erfrischenden Bad und einem Großeinkauf für den Sonntag wende ich mich endgültig nach Norden und erreiche an diesem Tag noch Udine. Die Stadt ist rappelvoll, aber dennoch finde ich zum Glück recht schnell ein Zimmer für die Nacht. Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass in der Stadt eine Mischung aus Demonstration und Festival von Schwulen und Lesben im Gange ist. Für kurze Zeit lasse ich mich auf das bunte Treiben ein, bevor ich mich nach zwei Flachetappen für den morgigen Wiedereinstieg in die Alpen ausruhe.

***

Am Sonntagmorgen verlasse ich Udine durch ein Naherholungsgebiet, in dem schon reichlich Freizeitsportler zugange sind. An der Dacia Arena, dem Fußballstadion Udines, komme ich auch vorbei, bevor mir die Wegeführung zu bunt bzw. überambitioniert wird und ich zum zügigen Vorwärtskommen ohne Schotter auf die Bundesstraße ausweiche. Bei Gemona wechsle ich wieder auf die offizielle Route, die auf einer netten Nebenstraße parallel zum breiten Kiesbett des Flusses (il Fiume) Tagliamento verläuft. Es könnte so ruhig sein, wären da nicht die zig Motocross-Motorräder, die das ausgetrocknete Flussbett als ideale Herausforderung empfinden. Ein paar Kilometer weiter häufen sich die Kollegen von der Rennmotorrad-Fraktion auf der nahen Straße.

In Carnia beginnt die Neubaustrecke der Eisenbahn. Bis hinter Tarvisio wird sie fast ausschließlich im Tunnel geführt und durch sie wurde die ursprüngliche Trasse überflüssig. Von Carnia bis zum etwa sechs Kilometer entfernten Moggio Udinese steht der Umbau zum Bahntrassenradweg noch aus. Dann aber geht es spektakulär mit kurzen Unterbrechungen rund 40 Kilometer weit auf der alten Trasse stetig bergauf. Immerhin 500 Höhenmeter sind auf diesem Abschnitt zu bewältigen. Brücken und Tunnels wechseln einander ab. Viele Italiener nutzen die Strecke für einen Sonntagsausflug, ich scheine aber fast der Einzige zu sein, der bergauf pedaliert.

In Tarvisio suche ich erneut Quartier. Im Vergleich mit Udine und Treviso empfinde ich Tarvisio als regelrecht ausgestorben. Womöglich bin ich in einem Wintersportort gelandet.

***

Zu spät habe ich am Vorabend erfahren, dass ich ein Zimmer ohne Frühstück erwischt habe. Dafür nutze ich jetzt, am siebten Tag der Radreise, die Chance, früher als sonst zu starten und die angenehme Kühle des jungen Tages zu erleben, während ich bereits im Sattel sitze.

Abweichend von der Hauptroute setze ich mich erst mal nach Slowenien ab. In dem schönen Tal Richtung Jesenice versteckt sich ebenfalls ein Bahntrassenradweg mit herrlichem Bergpanoramablick auf die Julischen Alpen. Über den Wurzenpass geht es Richtung Villach und damit wieder auf den Alpe-Adria-Radweg.

Am Passeinstieg treffe ich ein Radlerpaar. Ich identifiziere die beiden als Schweizer, da sie an ihrem Velo aus Nostalgie ein altes Alu-Nummernschild montiert haben, so wie es bis 1989 in der Schweiz üblich war. Angeregt unterhalten wir uns, weil es viel auszutauschen gibt und so ein Plausch den Anstieg leichter macht. Dummerweise ist plötzlich die slowenische Polizei hinter uns und hat wenig Verständnis dafür. Bei allen Sprachbarrieren zeigen wir uns einsichtig und verlieren uns bis zur Passhöhe aus den Augen.

Auf der Passhöhe verläuft die Grenze zwischen Slowenien und Österreich. Ich bin zurück im Land des Topfenstrudels. Die Abfahrt wird extrem anspruchsvoll: 18 Prozent Gefälle, schlechter Asphalt und in der Ausbremsstrecke der Serpentine für Notfälle steht auch noch widerrechtlich ein Holztransporter. Ich komme heil unten an.
Den restlichen Tag geht es entlang der Flüsse Gail und Drau gemächlicher zu. In Villach entdecke ich eine Angelstelle für Rollstuhlfahrer, in Spittal begegnet mir ein alter Bus der Österreichischen Bundesbahnen mit deutschem H-Kennzeichen – ein Linienbus als Oldtimer-Schätzchen. Jedem das Seine. Im Tal ist es wieder drückend heiß und so muss noch ein Sprung in den Möllstausee für eine Erfrischung sorgen, bevor ich in Obervellach die Tagesetappe beende. Auch dort scheint die touristische Blüte gewelkt zu sein, zu schlafen und zu essen finde ich aber was.

***

Der zweite Dienstag meiner Reise ist angebrochen. Morgens beim Frühstück lese ich in der Zeitung von schweren Unwettern über Klagenfurt. Da bin ich doch in Villach in die richtige Richtung abgebogen.

Heute steht die anspruchsvollste Etappe auf dem Programm, die erneute Querung des Alpenhauptkamms. Zulasten der Tauernschleuse per Bahn habe ich mich für die Großglockner-Hochalpenstraße entschieden, die ich schon vor längerer Zeit einmal auf meinem Wunschzettel notiert habe – und die wegen schlechten Wetters darauf verblieben ist. Diesmal könnte ich, wollte ich mich über das Wetter beschweren, nur „zu sonnig“ und „zu heiß“ anbringen.

Bis kurz vor Heiligenblut lässt sich alles noch locker an, dann aber ist der kleinste Gang über Stunden der einzig nutzbare. Irgendwann ist dann doch das Hochtörl erreicht, mit 2.504 Metern der mit Abstand höchste Punkt auf der gesamten Tour. Aber auch hier oben herrscht mit 16 °C noch immer eine milde Temperatur, und so ist eine Erkältung trotz des schweißnassen Trikots nicht zu befürchten. Auch die für die folgende rasante Abfahrt eingesteckten Winterhandschuhe muss ich nicht in den Tiefen der Packtasche suchen.

Anders als auf den Pässen der Französischen Alpen sind hier kaum Radfahrer unterwegs – dafür Motorräder, Sportwagen und Oldtimer aller Couleur. Die Kulisse ist traumhaft. Der Großglockner und die übrigen Gipfel zeigen sich weiß verschneit vor strahlend blauem Himmel. Die Abfahrt ist wunderbar zu fahren. Knapp 2.000 Höhenmeter sind auf der Habenseite. Da geht was.

In Bruck lese ich auf einem Plakat, dass in zwei Tagen der Glocknerman stattfinden soll, ein Radrennen der Extraklasse über 1.000 Kilometer mit zweimaliger Passage der gerade absolvierten Wegstrecke. (Wie ich später erfahren soll, brauchte der Sieger dieses Jahres dafür gut 38 Stunden.) Da lasse ich mich lieber erschöpft im Zug nieder. Das Salzachtal ist mit Autobahn, Eisenbahn und Bundesstraße so ausgefüllt, dass ich mir den Radweg nicht als besonders attraktiv vorstellen kann. Vielleicht tue ich ihm Unrecht.

Kurz vor Salzburg suche ich mir in dem schmucken Örtchen Hallein ein Zimmer, um am nächsten Morgen doch noch ein Stück Salzachtal unter die Räder zu nehmen.

***

Da ich ein Handwerkerhotel erwischt habe, in dem ab 6:30 Uhr Frühstück angeboten wird, bin ich – wie schon in München, am ersten Tag meiner Radreise – in der Frühe mit den Berufspendlern unterwegs. Salzburg selbst ist sehr fahrrradaffin, so mein Eindruck. Auf den Radwegen ist es richtig busy. Neben Sightseeing in der Mozartstadt will ich an meinem letzten Reisetag noch den Salzkammergut-Radweg bis zum Wolfgangsee entdecken.

Das Landschaftsbild ist ein vollkommener Kontrast zu dem des Vortags. Wiesen, Seen und Berge mit Gipfelhöhen unterhalb der Baumgrenze dominieren. Zwei Tage vor dem Tod des berühmtesten deutschen Urlaubsgasts der Region, unseres Einheitskanzlers, mache ich noch ein paar Schwimmzüge im Wolfgangsee. Von dort geht es dieselbe Strecke zurück nach Salzburg und von dort weiter mit der Bahn bis Eching, wo ich abends von meinen Erlebnissen an den Tagen als Alleinreisender berichten kann.

***

Es ist Donnerstag, der 15. Juni 2017. In neun Tagen im Sattel sind gut 1.200 Kilometer zusammengekommen. Nach einer kurzen Nacht setze ich mich frühmorgens ins Auto, um endgültig heimzureisen. Aber nein, da war ja noch was: Ein Abstecher zum Baggersee muss noch sein. Im Frühnebel wirkt das Konzert der Vögel besonders laut. Während ich mich nach dem Bad wieder umziehe, sehe ich weit und breit keinen einzigen Radreisenden. Vielleicht schlafen sie heute noch.




Bildergalerie

Das noch weitgehend unberührte Flusstal des Tagliamento<p>Foto: Christian MartensUnterwegs auf dem Alpe-Adria-Radweg<p>Foto: Christian MartensAuf dem Hochtörl-Pass, dem mit 2.504 m ü. A. höchsten Punkt der Reise<p>Foto: Christian Martens


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