Kopfbild Bad Vilbel Winter
27.05.2018 erstellt von: Christian Euler


Bad Vilbel braucht realistische Verkehrsprognosen

Feierabendstau auf der Nordumgehung im März 2018<p>Foto: Christian Euler

ADFC Bad Vilbel begrüßt die Einsicht des Bad Vilbeler Magistrats, realistischere Verkehrsprognosen für die Bauplanungen im Quellenpark zu berücksichtigen.


Immerhin hat es nur gut ein halbes Jahr gedauert, bis der Bad Vilbeler Magistrat bereit war, die vom ADFC Bad Vilbel im Oktober 2017 veröffentlichten Prognosezahlen für die Verkehrsbelastung auf der Büdinger Straße / Nordumgehung (L 3008) zur Kenntnis zu nehmen. Nun hat er sich von den veralteten Verkehrsdaten verabschiedet, die in diversen Verkehrsgutachten der Stadt Bad Vilbel im Rahmen der Bebauungspläne zum Quellenpark herumgeisterten.

Im Herbst letzten Jahres hatte der ADFC Bad Vilbel eine umfangreiche Stellungnahme zur Gesamtverkehrssituation in Bad Vilbel publiziert. Darin wies er auf die sehr hohe und wesentlich durch den Berufsverkehr verursachte tägliche Kfz-Verkehrsbelastung auf der Nordumgehung zwischen der beiden Knoten B 3 in Bad Vilbel und B 521 in Niederdorfelden während mehrerer Stunden morgens und abends hin. Gleichzeitig zeigten die drei Autor/-innen der Studie Christian Euler, Ute Gräber-Seißinger und Katja Koci weitere Belastungen durch die zukünftige Besiedelung des Baugebiets Quellenpark auf. Ute Gräber-Seißinger, Vorsitzende des ADFC Bad Vilbel, erläutert: „Für das Jahr 2025 hat der ADFC Bad Vilbel in der Verkehrsstudie eine Verkehrsbelastung an Werktagen von bis zu 30.000 Kfz pro Tag errechnet. Dabei haben wir darauf hingewiesen, dass es sich um eine rein statistische Zahl handelt, da die maximale Kapazität der Straße pro Stunde und Tag bislang nicht ermittelt wurde.“

Das Nadelöhr bilden die Kreuzung Büdinger Straße / Friedberger Straße und die Fahrbahnverengung von zwei Fahrspuren auf nur eine je Richtung vor der Unterführung der Main-Weser-Bahnlinie. Die Prognose entspricht jedenfalls grob gerechnet dem doppelten Wert des Verkehrsaufkommens auf der Nordumgehung, von dem der Bad Vilbeler Magistrat bis zu diesem Zeitpunkt ausging.

In der Folge kam es im Februar 2018 zu einer kleinen Anfrage im Hessischen Landtag zur Verkehrsbelastung auf der Büdinger Straße. Das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung unterrichtete darüber, dass 2015 an einer Zähstelle nahe Gronau im Jahresdurchschnitt, das heißt Ferienzeiten und Wochenenden eingerechnet, täglich 16.780 Fahrzeuge (DTV/24h) gemessen wurden. Wesentlichen aussagekräftiger für die tatsächliche Belastung durch Pendlerverkehr sind allerdings die werktäglichen Verkehrsströme von Montag bis Freitag, weil sich hier die Pendlerzahlen unverwässert niederschlagen. Hier liegt die Verkehrsstärke dann schon bei werktäglich 18.300 Kfz (DTVw/24h). Für das verkehrsreichere Winterhalbjahr bedeutet das, dass die Büdinger Straße / Nordumgehung im Jahr 2015 werktäglich von schätzungsweise mehr als 20.000 Kfz befahren wurde. Die vom Bad Vilbeler Magistrat für das Jahr 2025 adaptierte Verkehrsprognose ging lediglich von deutlich unter 15.000 Kfz an Werktagen aus – einschließlich der durch das Neubaugebiet zu erwartenden zusätzlichen Verkehrsströme, die selbstredend 2015 nicht gemessen werden konnten. Das Verkehrswachstum von 2010 bis 2015 wurde vom hessischen Verkehrsministerium mit 4,7 Prozent pro Jahr beziffert, der Magistrat ging demgegenüber von lediglich 0,2 Prozent aus. Hier hatte der Bad Vilbeler Magistrat um den Faktor 24 zu kurz gegriffen und somit die tatsächliche Dynamik des jährlichen Verkehrszuwachses dramatisch unterschätzt.

Unsere Sacharbeit blieb denn auch augenscheinlich nicht folgenlos. Der Magistrat reagierte im Frühjahr 2018 mit der Ankündigung einer neuen, groß angelegten Verkehrszählung auf der Nordumgehung für die Monate April und Juni 2018. Darüber hinaus bewirkten nicht zuletzt eine Anfrage der ADFC-Aktiven Katja Koci, die auch Stadtverordnete der SPD ist, und eine Stellungnahme des ADFC Bad Vilbel im Rahmen der Bürgerbeteiligung, beides zur 8. Änderung des Bebauungsplans Krebsschere (Letztere ist unten auf dieser Seite abrufbar), auf städtischer Seite eine kritische Auseinandersetzung mit der Verkehrsbelastung auf der Nordumgehung. So nahm im Auftrag der Stadt ein Schallschutzgutachter eine Neuberechnung der Lärmpegelbereiche unter der Annahme der vom ADFC Bad Vilbel prognostizierten doppelten Verkehrsstärke vor, die höhere Lärmimmissionen zum Ergebnis hatte. Als Konsequenz wurden die Festsetzungen zum passiven Schallschutz für Wohngebäude in der Beschlussvorlage zur 8. Änderung des Bebauungsplans Krebsschere hochgesetzt. Die zukünftigen Bewohner des Baugebiets dürften für diese qualitative Verbesserung ihres Wohnumfelds dankbar sein.

Ganz aktuell ist der Beschlussvorlage zur 3. Änderung des Bebauungsplans „Im Schleid“ für den nördlichen Quellenpark, der in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 12. Juni 2018 beschlossen werden soll, ein neues Verkehrsgutachten von IMB-Plan zu entnehmen. Dieses geht für das Jahr 2030 von nunmehr 23.000 Kfz an Werktagen (DTVw/24h) aus und liefert realistischere Prognosedaten für den zukünftigen Kfz-Verkehr auf der Nordumgehung. Christian Euler hierzu: „Das neuerliche Verkehrsgutachten stellt sicherlich im Vegleich mit den bisherigen Verkehrsprognosen eine qualitative Verbesserung dar, indem die zukünftigen Verkehrsstärken um 50 Prozent höher als bisher angesetzt werden. Das ist zu begrüßen. Allerdings enthält auch dieses Gutachten noch Defizite, die dazu führen, das die Verkehrsprognose immer noch deutlich zu niedrige Zahlen ausweist. Tatsächlich ist mit einem um 100 Prozent höheren Ansatz zu rechnen. Das haben wir bereits in unserer Verkehrsstudie nachgewiesen und das wird in der Bürgerbeteiligung zur Offenlage erneut anzusprechen sein.“

Ein wesentliches Ziel unserer Verkehrsstudie vom Oktober 2017 war es, die Stadt Bad Vilbel zum Umdenken zu bewegen. Wir wünschen uns einen Perspektiv- und Strategiewechsel bei der Verkehrs- und Stadtplanung hin zu einem entschlossenen Ausbau der Nahmobilität und des Öffentlichen Verkehrs. Diesem Ziel sind wir ein kleines Stück näher gerückt. Als Zwischenschritt ist zu begrüßen, dass der Bad Vilbeler Magistrat jetzt die Notwendigkeit akzeptiert, seiner Politik realistischere Verkehrsprognosen zugrunde zu legen.

Christian Euler | Ute Gräber-Seißinger




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