Kopfbild Biwerkreisel
16.09.2020 erstellt von: Theo Sorg


Kreative Verkehrsführung in Bad Vilbel

Radweg oder Fußweg? Oder was?

Friedberger Straße, Abzweigung Heinrich-Heine-Straße<p>Foto: Theo Sorg

Man tut viel für den Radverkehr in Bad Vilbel – und markiert in auffälligem Rot eine Furt für Radelnde, obgleich dort im Übrigen gar kein Radweg ausgewiesen ist. An diesem Beispiel wird deutlich, wie sich gut gemeinte Ideen in ihr Gegenteil verkehren können.


Zu besichtigen ist dieses Beispiel auf der Friedberger Straße, der städtischen Hauptverkehrsader in Nord-Süd-Lage, an dem Punkt, an dem die Heinrich-Heine-Straße im rechten Winkel abzweigt. Ab der Kreuzung der östlich der Friedberger Straße parallel verlaufenden Gießener Straße verbietet das Verkehrszeichen 267 die Einfahrt in die Heinrich-Heine-Straße, nimmt allerdings mit dem Zusatzzeichen1022-10 den Radverkehr von diesem Verbot aus. Demgegenüber gibt es an der Einmündung der Heinrich-Heine-Straße in die Friedberger Straße kein Einbahnstraßen-Zeichen. Die Heinrich-Heine-Straße ist somit eine sogenannte unechte Einbahnstraße. Will sagen, die Einfahrt ist für Kfz nur von der Friedberger Straße aus erlaubt, doch innerhalb des Abschnitts bis zur Kreuzung mit der Gießener Straße ist der Kfz-Verkehr in beiden Richtungen zulässig. Es gibt diese Art von Straße in der StVO eigentlich nicht; sie hat dennoch ihre Berechtigung, wirkt sie doch verkehrsberuhigend. Andererseits führt das oftmals dazu, dass den der vermeintlichen echten Einbahnstraße entgegengesetzt Fahrenden der Vogel gezeigt wird.

Bild
Friedberger Straße, Abzweig Heinrich-Heine-Straße
Foto: Theo Sorg

In der Mitte der Friedberger Straße gibt es einen dritten Fahrstreifen, der ebenfalls rot markiert ist. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Fahrradstreifen – nein, er ist eine Mehrzweckspur, eine Besonderheit in Bad Vilbel, die es so in der StVO ebenfalls nicht gibt. Diese Spur soll den Verkehrsfluss fördern, indem sie von Linksabbiegenden als Wartestreifen genutzt wird und außerdem das Überholen langsamerer Fahrzeuge ermöglichen soll. Leider wissen viele Autofahrende den Zweck der Spur nicht einzuordnen, und so kommt es vor, dass Linksabbiegende auf beiden Fahrstreifen stehen und warten; sie sind hier schlichtweg überfordert. Da die Mehrzweckspur auf ihrer gesamten Länge von mehreren Mittelinseln unterbrochen ist, sind die Überholdistanzen dementsprechend begrenzt, was oft zu einem zu kurzen Einscheren der Überholenden vor den Überholten führt; gerade auch Radelnde werden bei Überholvorgängen oft geschnitten.
Bild
Wer tagtäglich routiniert radelt, fährt hier lieber auf der Fahrbahn
Foto: Theo Sorg

Leider fehlt in der Friedberger Straße in beiden Richtungen ein Radverkehrsstreifen, und weil das so ist, hat man ersatzweise den Gehweg für den Radverkehr freigegeben. Das bedeutet für Radelnde, dass sie auf den Fußverkehr besondere Rücksicht zu nehmen haben, und es gilt für sie Schrittgeschwindigkeit. Alltagsradelnde nutzen den Bürgersteig in der Regel nicht; stattdessen fahren sie regelkonform auf der Fahrbahn. Dort kommen sie schneller voran, sind besser sichtbar und laufen nicht Gefahr, mit zu Fuß Gehenden aneinanderzugeraten. Allerdings führt ein für Radelnde freigegebener Fußweg bei manchen Autofahrenden, die meinen, ihnen gehöre die Straße allein, zu falschen Erwartungen. In Unkenntnis der Rechtslage bedrängen sie Radelnde und fordern sie auf, auf den vermeintlichen Radweg auszuweichen. Solche Situationen gehören auf der Friedberger Straße zum Alltag. Wenn dann noch am Übergang Heinrich-Heine-Straße eine auffällige Markierung auf die Straße gepinselt wird, dann verstärkt dies nur den falschen Eindruck einer Benutzungspflicht des Gehwegs für den Radverkehr. Hinzu kommt: Das Verkehrszeichen „Gehweg“ mit dem Zusatzzeichen „Radverkehr frei“ ist erst sehr spät zu erkennen, weil es durch ein Werbeschild verdeckt wird. Der Effekt dessen: Die Dominanz der Fahrbahnmarkierung wird optisch nochmals verstärkt.

Es wäre wünschenswert, wenn die Stadtverwaltung sich im Rahmen ihrer Planungen und Entscheidungen öfter auf den Fahrradsattel schwingen würde, um nachzuvollziehen, wie sich die Verkehrsführung aus der Sicht des Radverkehrs darstellt – und wenn sie auch die Erkenntnisse moderner Wissenschaft stärker beherzigen würde: weniger regeln, dafür jedoch eindeutig, das heißt, klare Strukturen schaffen. So ließen sich viel Enttäuschung und Ärger vermeiden – aufseiten des motorisierten ebenso wie des Rad- und des Fußverkehrs.

Es wird viel Steuergeld ausgegeben – und doch erreicht es die Betroffenen oftmals nicht.


60-mal angesehen




© ADFC 2020

ADFC-Mitglied werden
Fahrradklima-Test 2020
#MehrPlatzFürMenschen
Meldeplattform Radverkehr
Hessischer Radroutenplaner
bike-kitchen - unsere Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt
Radfahren üben auf dem Verkehrsübungsplatz
Fahrradfahren? Ja, täglich!