Kopfbild Bad Vilbel Winter
24.10.2018 erstellt von: Dr. Ute Gräber-Seißinger


Eskalation Stadtradeln

So berichten Sieger

Rast am Unstrut-Werra-Radweg bei Bad Frankenhausen<p>Foto: Christian Martens

Die Stadt Bad Vilbel hat in diesem Jahr erstmals an der Aktion Stadtradeln teilgenommen, einer Kampagne, die jeweils von den Kommunen ausgeht und die sich auf ihrer Internetseite wie folgt beschreibt: „Im Rahmen des Wettbewerbs treten Teams aus KommunalpolitikerInnen, Schulklassen, Vereinen, Unternehmen und BürgerInnen für Radförderung, Klimaschutz und Lebensqualität in die Pedale. An 21 aufeinanderfolgenden Tagen sollen möglichst viele Kilometer beruflich und privat CO2-frei mit dem Rad zurückgelegt werden. Ziel der Kampagne ist es, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, ein Zeichen für vermehrte Radförderung in der Kommune zu setzen – und letztlich Spaß beim Fahrradfahren zu haben!“


Und hier der Bericht des Siegers im siegreichen ADFC-Team.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das örtliche Georg-Büchner-Gymnasium losgelöst von der Stadt in der Unterdisziplin Schulradeln teilgenommen. Unsere Tochter Hanka, derzeit Siebtklässlerin, war damals durch Krankheit und Klassenfahrt sehr ausgebremst. Umso ambitionierter ging sie diesmal an die Sache ran. Das Ziel: nichts weniger als den ersten Platz innerhalb des Schulteams. Die Herausforderung: Vizeschulleiter Carsten Treber, wohnhaft in Oberursel, von dem bekannt ist, dass er mit dem Rad pendelt. Herrn Trebers Vorjahresmarke: 405 Kilometer. Die eigenen Voraussetzungen: zwei Kilometer einfacher Schulweg, bei 15 Schultagen gerade mal 60 Kilometer. Darüber hinaus: ein radbegeisterter Vater und im Haushalt ein Tandem, für das sie dieses Jahr endlich groß genug ist. Der Plan: möglichst viele gemeinsame Tandemtouren an den Wochenenden.

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Zwei Samstage waren allerdings schon anderweitig verplant. Tagesgenau wurde im Vorfeld festgelegt, wann wie viele Kilometer zu radeln sind. Das Ergebnis: Die Marke von 405 Kilometern lässt sich knacken. Und so kam ich mir ein bisschen vor wie Vincent Vega in der Tanzszene von Pulp Fiction, der auch nur gesagt bekommt: „Ich will gewinnen. Ich will diese Trophäe.“ (https://www.youtube.com/watch?v=WSLMN6g_Od4)

Der Terminkalender wollte es, dass das erste Wochenende das einzige komplett freie des Aktionszeitraums (1. bis 20. September) war. Um selbst nicht nur auf bekannten Strecken unterwegs zu sein, wählten wir zum Auftakt eine schöne Runde auf dem Unstrut- und dem Werra-Unstrut-Radweg mit Start und Ziel in Mühlhausen/Thüringen aus. Die Gesamtlänge: 226 Kilometer. Es gäbe darüber viel zu berichten. Hier sei nur erwähnt, dass unsere Tochter dermaßen motiviert war, dass sie weder über schmerzende Beine und Hintern jammerte noch angesichts des Nieselregens, der zwischenzeitlich einsetzte, ins Zaudern geriet.

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Strategisch war eine Ouvertüre wie diese natürlich sehr ungeschickt, war die Konkurrenz doch sogleich hellwach. Am darauffolgenden Samstag kam dann auch der Konter, als Herr Treber ausgerechnet im Rahmen einer vom ADFC Bad Vilbel angebotenen Tour ordentlich Kilometer sammelte und deutlich an Hanka vorbeizog. Es herrschte Alarmstufe Rot und ein Höchstmaß an Motivation, um am nächsten Tag mal ganz geschmeidig nach Mainz und zurück zu radeln und sich mit 106 weiteren Kilometern wieder auf den ersten Platz zu schieben – wenn auch mit deutlich weniger Vorsprung als zu diesem Zeitpunkt in der Planung kalkuliert.

Und so war denn auch im Laufe der zweiten Woche der Kampfgeist gebrochen. Hanka akzeptierte, dass es am Ende der Aktion wohl doch nur für den zweiten Platz reichen würde. Die geplante Tandemtour am dritten Wochenende wurde storniert und nur die paar wenigen Kilometer pro Tag wurden eingetragen. Herr Treber war einfach um Einiges motivierter als im Vorjahr und überflügelte seine im Vorjahr erbrachte Leistung deutlich.

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Am letzten Aktionstag, einem Freitag, stimmten wir uns abends gemütlich aufs Wochenende ein, als Hanka kurz vorm Schlafengehen die Datenbank noch mit ihren letzten Kilometern füttern wollte. Doch was war das? Durch Eintrag aller Kilometer auf einmal hatte sich da jemand aus dem Nichts kommend an ihr vorbeigeschoben und belegte nun mit 14 Kilometern Vorsprung ihren Wunschplatz.

Das ging ja mal gar nicht. Eine riesige Welle der Emotionen erfüllte das Haus und es gab nur einen Gedanken: Eine sofortige Nacht-Radtour musste her. Mir wurde wieder keine Wahl gelassen: Ich musste mit. Auf ging’s nach Bonames zum Flugplatz und zurück. Den Nidda-Radweg hatten wir um 22:45 Uhr ganz für uns allein. Kurz vor Mitternacht wurde die Datenbank nochmals aktualisiert. Mit 488 Kilometern reichte es hauchdünn (2 Kilometer Vorsprung) wieder für Platz 2. So konnte Hanka selig einschlafen. Herr Treber aber war mit 641 Kilometern unangefochtener Sieger der Schulgruppe.

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Und selbst? Nach erwähntem Auftakt und einer Woche Durchradeln ins Büro in Hattersheim und zurück blieb nicht aus, dass auch ich nach sieben Tagen Platz 1 innerhalb des ADFC-Teams innehatte. Doch auch hier war der Vorsprung nicht so groß wie gedacht. Der direkte Verfolger: ein Bekannter mit E-Bike. Da musste ich nur kurz überlegen, bis der Entschluss feststand, einem E-Biker nicht den Vortritt zu lassen.

Sorry! Etwas wahnsinnig (Rinderwahn schließe ich bei mir als Vegetarier aus, aber vielleicht gibt es ja auch medizinisch noch nicht erforschten Mon-Chéri-Wahnsinn), beschloss ich, auch in der Folgezeit für den Arbeitsweg ganz im Sinne der Aktion komplett aufs Auto zu verzichten, und so summierten sich die Kilometer uneinholbar in den deutlich vierstelligen Bereich. Ich sah einfach sonst kein Teammitglied, das den E-Biker hätte in die Schranken weisen können.

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Und sonst? Etliche Randnotizen und Kurzkontakte:

  • etwas Rumgefrotzel mit dem lange vertrauten Teammitglied, das sich mit dem Punktetrikot der Tour de France schmückt und dann doch nur einen enttäuschenden 15. Platz erreicht;
  • eine spontane Kampfansage eines mehrmaligen Ironman-Finishers für 2019, den ich vom Radpendeln kenne und während der Aktion bei einer Geburtstagsfeier treffe;
  • ein Anpflaumen unserer Teamchefin, die sich mitten im Aktionszeitraum in den Wanderurlaub verabschiedet – mit Verlaub, das geht ja gar nicht;
  • das tragische unfallbedingte Ausscheiden unserer stärksten Frau im Team kurz vor dem Abschluss;
  • zwischenzeitlich die Spannung, als ich erfahre, dass ein durchaus leistungsstarkes Teammitglied noch nichts eingetragen hat, weil es gerade einen Radurlaub genießt. Was ist da noch zu erwarten? Am Ende war’s der dritte Platz;
  • Gratulation an das Team Nidda-Radler, das sich im Laufe der Aktion in der Relativwertung (Gesamtkilometerzahl pro Teammitglied) an uns vorbeischob;
  • regelmäßiger frühmorgendlicher Austausch über den Stand der Dinge beim Radpendeln mit einem Freund, der für das Schulteam dabei war, dort aber Hanka mit Platz 4 nie wirklich nahe kam;
  • Genuss des „endless summer“, der von den Meteorologen ja im August schon so genannt wurde, dem aber erst am letzten Aktionstag in der zweiten Septemberhälfte die Puste ausging. Da musste ich dann doch mal mit Blick auf das Niederschlagsradar festlegen, wann ich das Büro verlasse, um trocken zu bleiben – hatte ich fast verlernt;
  • Genuss vieler Sonnenaufgänge auf dem Weg zur Arbeit, auch wenn sich die Sonne am Ende der drei Wochen morgens 30 Minuten mehr Zeit ließ als zu Beginn;
  • das wunderbare Gefühl, drei Wochen lang Verkehrsnachrichten Verkehrsnachrichten sein lassen zu können;
  • die tägliche Spannung beim Eintragen in die Datenbank, was sich sonst so im eigenen und in anderen Teams getan haben würde;
  • die anhaltende Spannung in der Nachspielzeit, konnte man doch die gefahrenen Kilometer noch bis eine Woche nach Aktionsende eintragen. In Bad Vilbel waren das immerhin gut 4000 von 58.780 Kilometern, da konnte sich schon noch Einiges an Platzierungen verschieben;
  • der Stolz auf eine fantastische Teamleistung des ADFC, haben wir doch mit 13.838 Kilometern und damit Platz 1 unseren Anspruch als Fahrradclub deutlich unterstrichen.

    Was bleibt? Die Erinnerung an viele schöne Momente, gerade auch auf den Tandemtouren mit Hanka, und die Vorfreude auf die Aktion im kommenden Jahr.

    Christian Martens


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